Familie Latridiidae Coleoptera - Clavicornia
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  Siehe auch die Website von W. Rücker:  www.latridiidae.de Kleine, von 0,25 bis 3,0 mm große Käfer, die sich aufgrund ihrer sehr vielgestaltigen Form sehr schwer global beschreiben lassen. Doch sind die einzelnen Gattungen wieder so charakteristisch, daß man meist schon an Hand der Habitusbilder diese als eine Latridiidae erkennen wird. Kopf hinten eingeschnürt und mit kurzer in den Halsschild zurückgezogenen Halspartie. Die Augen rundlich, grob oder fein facettiert, die Schläfen meist gut entwickelt, mitunter aber auch völlig fehlend oder nur durch eine schmale Kante, eben gerade noch erkennbar als solche angedeutet. Die fast immer elfgliedrigen Fühler immer von oben sichtbar, frei an den Vorderecken der Stirne, mitunter in großem Abstand von den Augen nach vorne eingefügt. Die Keule meist zwei- bis dreigliedrig. Die Oberlippe vortretend und quer, meist sehr gut von oben zu sehen. Weitere Beschreibung siehe    >>>15
Von der Familie Latridiidae, die in ihrem bisherigen Umfang mit 24 Gattungen und 1000 Arten über die ganze Erde verbreitet ist, kann man in Europa 14 Gattungen mit 190 Arten und in Deutschland noch 12 Gattungen mit 82 Arten verzeichnen.
  Die Gattungstabelle gilt nur für Europa!  
#1 Vorderhüften durch einen Prosternalfortsatz deutlich getrennt, Kopf in der Mitte fast immer gefurcht, Oberseite kahl oder mit nur bei sehr starker Vergrößerung (30x bis 40x) erkennbaren Härchen oder Börstchen, Elytren oft mit Rippen oder Kielen, Seitenrand des Pronotum meistens ungezähnt, Seiten mehr oder weniger parallel verlaufend oder hinter der Mitte eingeschnürt und oft mit einem Hautsaum. Subfamilie Latridiinae Erichson, 1842

   ...2

 
-- Vorderhüften zusammenstoßend, höchstens sehr schmal getrennt; Kopf ohne Mittelfurche, der Seitenrand des Pronotum mehr oder weniger gerundet und gezähnt oder in der Mitte etwas spitzwinkelig, ohne Hautsaum, Elytren ohne Rippen, meist mit Punktreihen und kurzer bis langer und Überlappender Behaarung. Subfamilie Corticariinae Curtis, 1829

   ...11

 
#2 Teile des Metanotums stark reduziert, Elytren längs der Naht verwachsen, nur sehr schwer trennbar, Kopf mit 3 bis 4 Längsfurchen. (Nur bei der Gattung Revelieria Kopf ohne Längsfurchen)

   ...3

 
-- Teile des Metanotums vollständig ausgebildet, Elytren leicht trennbar, längs der Naht nicht verwachsen, Kopf nur mit einer oder ohne Längsfurchen, Fühler 11-gliedrig und meist mit 3-gliedriger Fühlerkeule, aber auch mit 2-gliedriger Fühlerkeule.

   ...4

 
#3 Unterseite meist von einem weißen Sekret überzogen, das sich auch auf die Seitenränder der Elytren und über das Pronotum erstrecken kann, Kopf mit drei bis vier Längsfurchen, Scutellum sichtbar, Fühler 9-gliedrig oder 10-gliedrig mit 1-gliedriger oder 2-gliedriger Fühlerkeule, Elytren mit Punktreihen. Weitere Arten mit 11-gliedrigen Fühlern und 2-gliedriger oder 3-gliedriger Fühlerkeule kommen in Südamerika vor. (Untergattung Metatypus Belon).

   ...Metophthalmus Motschulsky, 1850

 
-- Unterseite und Elytren ohne weißes Sekret, sehr kurz eiförmig und sehr hoch gewölbt, ohne Punktreihen, sehr dicht und grob irregulär punktiert, Kopf ohne Mittelfurche, Wangen deutlich, Fühler 11gliedrig, Scutellum nicht sichtbar.

   ...Revelieria Perris, 1869

 
#4 Pronotum auf der Scheibe ohne Kiele oder nur mit einer Spur von diesen; mitunter aber deutliche Längswülste.

   ...5

 
-- Pronotum auf der Scheibe mit zwei deutlich erhabenen Längskielen.

   ...8

 
#5 Kopf nach vorn nicht oder kaum verlängert, Fühler dicht, etwa um Augenbreite vor den Augen eingefügt [Abb.1].

   ...6

LATRIDIUS HIRTUS
Abb.1
 
-- Kopf nach vorn stark verlängert, Fühler weit vorn und in großem Abstand von den Augen eingefügt, meist sehr kleine und abgeflachte Käfer.

   ...7

 
#6 Prosternalfortsatz nicht gekielt oder erhöht; Halsschildseitenrand gerade oder nur schwach ausgebuchtet; teilweise die Halsschildvorderecken lappenförmig vorgezogen, die Sternite, wenigstens aber das erste, mehr oder weniger deutlich punktiert.

   ...Latridius Herbst, 1793

 
-- Prosternalfortsatz gekielt und erhöht; bis zu den Coxae oder hinter diese reichend; Halsschild fast immer in der Mitte verbreitert, wenn nicht verbreitert, dann aber die Vorderecken nicht lappenförmig vorgezogen, alle Sternite sind meist unpunktiert, seltener das 1. punktiert.

   ...Enicmus C. G. Thomson, 1859

 
#7 Schläfen sehr kurz oder ganz fehlend [Abb.2]. Augen meistens klein und oft nur aus wenigen Facetten bestehend, die Vorder- und Mittelhüften durch einen deutlichen Zwischenraum getrennt, Metasternum und das erste Sternit durch eine deutliche Naht getrennt.

   ...Dienerella Reitter, 1911

DIENERELLA ELONGATA
Abb.2
 
-- Schläfen lang, viel länger als die Augen [Abb.3]. Vorder- und Mittelhüften nur mit geringem Abstand, fast aneinanderstoßend, Metasternum mit dem ersten Sternit ohne erkennbare Naht verwachsen.

   ...Adistemia Fall, 1899

ADISTEMIA WATSONI
Abb.3
 
#8 Die Seitenränder des Prothorax höchstens flach eingeschnitten [Abb.4]. Epimeren hinten nicht vom Prosternalfortsatz getrennt und nicht längs der Mittellinie vereinigt.

   ...9

STEPHOSTETHUS ANGUSTICOLLIS
Abb.4
 
-- Die Seitenränder des Prothorax tief eingeschnitten [Abb.5]. Epimeren vollständig vom Prosternalfortsatz getrennt.

   ...10

ARIDIUS NODIFER
Abb.5
 
#9 Auf den Elytren zwischen dem siebten Zwischenraum - der mehr oder weniger rippenförmig erhaben ist - und dem Seitenrand sind vorn und hinten nur zwei Punkreihen vorhanden. Habitus [Abb.6]

   ...Stephostethus Le Conte, 1878

STEPHOSTETHUS ANGUSTICOLLIS HAB.JPG
Abb.6
 
-- Elytren mit kielförmiger Naht und drei Dorsalrippen, zwischen der äußeren Rippe und dem Seitenrand befinden sich vorn zwei und hinten vier Punktreihen.

   ...Thes Semenov-Tian-Shansky, 1910

 
#10 Fühlerglieder drei bis acht viel länger als breit, Fühlerkeule 3-gliedrig, die Schläfen etwas nach hinten konvergierend und meist nicht länger als die Augen [Abb.5]. Untergattung Aridius Motschulsky, 1866 der Gattung

   ...Cartodere Thomson, 1859

ARIDIUS NODIFER
Abb.5
 
-- Fühlerglieder drei bis acht klein, kaum länger als breit, Fühlerkeule 2-gliedrig oder 3-gliedrig, Schläfen parallel oder spitzwinkelig, wenigstens so lang oder länger als die Augen [Abb.7].

   ...Cartodere Thomson, 1859

CARTODERE CONSTRICTUS
Abb.7
 
#11 Fühler 11-gliedrig.

   ...12

 
-- Fühler 10-gliedrig. Pronotum kurz und breit, an den Seiten stark gezähnt [Abb.8]. Das zweite Tarsenglied kürzer als das erste.

   ...Migneauxia Jacquelin du Val, 1859

MIGNEUXIA ORIENTALIS
Abb.8
 
#12 Erstes Sternit mit - manchmal sehr feinen - Schenkellinien [Abb.9]. Körper von gedrungener Gestalt, Elytren eiförmig [Abb.10]. Abdomen beider Geschlechter aus sechs Sterniten bestehend.

   ...Melanophthalma Motschulsky, 1866

MELANOPHTHALMA CURTICOLLIS
Abb.9
MELANOPHTHALMA SUTURALIS
Abb.10
-- Erstes Sternit ohne Schenkellinien.

   ...13

 
#13 Abdomen mit 5 Sterniten.

   ...14a

 
-- Abdomen mit 6 Sterniten; das 6. Sternit eventuell als schmaler Ring unter dem 5. verborgen [Abb.11].

   ...15a


Vorsicht! Das 6. Sternit kann unter dem 5. verborgen sein!
CORTICARIA IMPRESSA
Abb.11
 
#14a Abdomen der Männchen und Weibchen mit fünf sichtbaren Sterniten. Zwischenräume der Elytren mit etwas länglichen Punkten.Halsschild schmal, wenig breiter als lang, seitlich wenig gerundet. Kopf kräftig und dicht punktiert. Aedoeagus nur schwach sklerotisiert und symmetrisch. Die Vordertibien der Männchen an der Innenseite im unteren Drittel mit einem kräftigen Zahn oder ohne Zahn, dann an der Spitze ein kleiner winziger Dorn, der leicht übersehen wird 1 häufige Art.

   ...Cortinicara Johnson, 1975

 
-- Pronotum an den Seiten fein gezähnelt, Halsschild viel breiter als lang, in der Mitte am breitesten oder der Kopf fein und weitläufig punktiert. Habitus [Abb.12]. Siehe ♀ von Corticaria LZ    >>>15a
CORTICARIA CRENULATA
Abb.12
 
#15a Pronotum an den Seiten fein gezähnelt, Vordertibien der Männchen ohne Zähnchen, dafür meist am Ende der Vorder- und Mitteltibien mit einem spitzen Dorn. Abdomen der Männchen aus sechs Sterniten, die der Weibchen aus fünf Sterniten bestehend. Habitus [Abb.12].

   ...Corticaria Marsham, 1802

 
-- Zwischenräume der Elytren mit runden Punkten, Aedoeagus der Männchen stark sklerotisiert und asymmetrisch. Die Vordertibien der Männchen an der Innenseite in der Mitte oder etwas unterhalb der Mitte mit einem spitzen Zahn. Abdomen der Männchen und Weibchen mit sechs Sterniten. Habitus [Abb.13].

   ...Corticarina Reitter, 1880

CORTICARINA FUSCULA
Abb.13
 
#15 Fortsetzung der Familiendiagnose
Der Halsschild ist sehr variabel und bei den einzelnen Gattungen sehr verschieden, mit auffallend kräftiger Struktur, Höckern und Kielen, oder eingeschnürt mit einem Hautsaum bei Aridius und Stephostethus oder mit einem weißen Sekret auf Halsschild und Unterseite bei Metophthalmus oder an den Seiten glatt, winkelig oder gerundet mit kleinen Zähnchen und in der Mitte mit einem kleinen Grübchen vor der Basis Corticaria, Corticarina, Bicava und Melanophthalma. Ebenso verschiedenartig sind die Flügeldecken mit ihren Punktreihen, Börstchen und Haaren.
Die vorderen Hüfthöhlen sind hinten geschlossen, die Hinterhüften quer, die Trochanteren kurz. Tarsen alle dreigliedrig (Tarsenformel: 3-3-3). Abdomen mit sechs Paar funktionellen Stigmen.
Über Lebensweise und Verbreitung ist mit Sicherheit noch längst nicht alles erforscht und bekannt. Doch scheinen alle vorkommenden Arten mycetophag zu sein und sich vom Mycel und deren Sporen besonders niederer Pilze zu ernähren. Da Mycelien und deren Sporen fast überall vorkommen wird man diese Tiere auch überall in allen möglichen Biotopen finden können. Mir scheint jedoch, daß auch hier gewisse Spezialisierungen auf gewisse Pilzarten, Feuchtigkeitsgrad und Temperatur vorhanden sind. Man findet die Latridiidae in fast allen vom Schimmel befallenen und in Zersetzung befindlichen Vegetabilien, wie Gras-, Stroh- und Heuhaufen, Pflanzenabfällen, Komposthaufen und Schilf. In morschem Holz (Ameisengängen), Baumstubben, unter Rinde verpilzter Bäume, an Reisig, unter Laub, in Nestern, aber auch synanthrop in Wohnungen, Ställen, Feldscheunen, auf Dachböden in alten Wespennestern. Im Herbst (Monate September bis November) kann man viele Arten, mitunter in größerer Anzahl, aus alten noch stehenden Pflanzen und Disteln aus deren verdörrten Blütenköpfen sieben. Tannenzapfen die schon alt und vermodert, mit Reisig vermischt, wird man viele gute Arten sieben können. Ausgedörrte Blätter von geknickten Ästen, frisch abgeschälte Rinde oder auf den frischgeschälten Baumstämmen sind bei warmen und sonnigem Wetter beliebte Aufenthaltsorte dieser Käfer. Sehr gute Erfolge hatte ich immer wenn ich in den Sommermonaten Gras- oder Heuhaufen an Waldrändern auslegte und diese dann im Herbst oder Winter gründlich siebte.
Larven sind nur von den Gattungen Latridius, Aridius [Abb.14], Dienerella und Corticaria [Abb.15] etwas genauer bekannt. Doch lassen sich viele Arten sehr gut und leicht züchten, wenn man den Tieren, die nicht sehr anspruchsvoll sind, einigermaßen günstige Lebensbedingungen schafft. Wichtig ist hierbei der Feuchtigkeitsgrad und eine gute Belüftung der Zuchtbehälter damit Eier, Larven und Puppen nicht verschimmeln und absterben. Guten Erfolg hatte ich immer in Petrischalen die nicht allzu dicht schließen, aber doch so, daß die Tiere nicht heraus können, an verschimmeltem Brot. Mit einem Pinsel bringt man Schimmelsporen, am besten, immer aus dem jeweiligen Biotop wo man die Tiere gefangen hat, auf sehr dünne (ca. 3-4 mm) Scheiben angefeuchteten Brotes und kann, sobald sich die erste Schimmelschicht erkennen läßt, die Tiere darauf setzen. Nach meiner Erfahrung werden gerne Sporen und Pilzrasen von Penicillium crustaceum, verwandten Arten oder andere Pilzarten von Edelpilzkäsen angenommen. Allerdings muß man je nach Art etwas experimentieren, da scheinbar doch einige Latridiidae Feinschmecker sind und nicht alles als Futter annehmen. Wird das Futter aber angenommen, kann man in schon sehr kurzer Zeit eine Copula und Eiablage beobachten. Nach etwa vier bis acht Tagen sind die ersten kleinen Lärvchen geschlüpft. Die gesamte Entwicklungszeit beträgt je nach Art, Futterangebot und Temperatur 14 bis 20, auch 30 Tagen.
ARIDIUS NODIFER
Abb.14
CORTICARIA FULVA
Abb.15
  Adistemia
Cartodere
Corticaria
Corticarina
Cortinicara
Dienerella
Enicmus
Latridius
Melanophthalma
Metophthalmus
Migneauxia
Revelieria
Stephostethus
Thes
     Erstellt am: 05.08.2009
Letzte Aktualisierung: 06.10.2013 - 23:54:51
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